Marmeladenfabrik Tribuswinkel

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Marmeladenfabrik Tribuswinkel (um 1925)

Die Marmeladenfabrik Tribuswinkel ist ein historischer Industriekomplex in der Katastralgemeinde Tribuswinkel der Stadt Traiskirchen in Niederösterreich und geht auf das Jahr 1908/09 zurück.

Chronik

In den Jahren 1908-1909 errichteten Dr. Rudolf Scheuble und Dr. Armin Hochstetter, welche ursprünglich eine Fabrik im böhmischen Arnau betrieben hatten, ein chemisch-pharmazeutisches Laboratorium bzw. die „Chemische Fabrik Scheuble & Hochstetter“ zur Fabrikation von pharmazeutischen Präparaten und Chemikalien auf dem heutigen Areal an der Badener Straße 35–39 Ecke Sängerhofgasse 51 in Tribuswinkel. Für die Planung waren damals die Architekten Ludwig Baron Fleissner und Rudolf Sieber verantwortlich. Der Grundstückseigentümer war seinerzeit Rudolf Freiherr von Doblhoff, von welchem die damalige austro-belgische Eisenbahngesellschaft das Areal gepachtet hatte, Scheuble & Hochstetter waren die Sub Pächter.

Nachdem die beiden Chemiefabrikanten im Ersten Weltkrieg in finanzielle Schwierigkeiten geraten waren, übernahm im Jahre 1915 der aus Siebenbürgen stammende jüdische Unternehmer Mor Fekete die Fabrikanlage. Er ließ die Pharmaproduktion auf und stellte die Produktion auf die Erzeugung von Apfel- und Zwetschkenmarmelade, Fleisch-, Fisch- und Gemüsekonserven sowie Dörrobst und -gemüse um und belieferte mit seinen Erzeugnissen die Stadt Wien. Dadurch erhielt der Betrieb seinen nunmehrigen Namen und wurde mit der Zeit im Volksmund liebevoll „Marmelada“ genannt.

Mor Fekete ließ ab 1917 die nunmehrigen Marmeladenfabrik erweitern und beschäftigte neben dem Bestandspersonal auch Kriegsgefangene aus Russland, Italien sowie Geflohene aus Görz und Südtirol. Die zu einem Großbetrieb angewachsene Fabrik firmierte inzwischen als „Marmeladen- und Konservenwerke GmbH Tribuswinkel“. Nach dem Krieg entstand entlang der Badener Straße ein eigenes repräsentatives Verwaltungsgebäude, welches vom Architekten Ernst Epstein aus Wien-Mariahilf entworfen und im Jahre 1920 gebaut wurde. Nach dessen Errichtung bereits erste Umnutzungsmaßnahmen am Gelände, was der geänderten Wirtschaftslage und Produktnachfrage in Friedenszeiten geschuldet war.

So wurde am Betriebsareal eine Betriebsanlage zur „Kanditen- und Chokoladenwarenerzeugung“ und eine insgesamt 600 Liter fassende Destillieranlage für Obstbranntweine eingerichtet und der ehemalige Kochsaal in eine Fabrik zur Gelatine- und Leimerzeugung umgewandelt. Im weiteren Verlauf der Geschichte zogen jedoch immer mehr Fremdfirmen und Kleinbetriebe am Fabriksgelände ein, wie das Unternehmen „Mantel, Wimisner & Co.“, welches im einstigen Marmeladenmagazin eine Weberei einrichtete und schuf damit auch den ersten Textilbetrieb in der Marmeladenfabrik.

Es folgte die Firma Julius Schlesinger, welche Frottee-Handtücher herstellte. Im Jahre 1925 ließ Bela Epstein einen zusätzlichen Rauchfang für seine Branntweindestillerie am Gelände errichten und im selben Jahr wurde von Ottokar Theimer eine Tischlerei zur Erzeugung von Resonanzböden für Klaviere eingerichtet. Anno 1926 begann die Umwandlung der alten chemischen Fabrik in ein Wohngebäude für die Arbeiterfamilien und deren Kinder und ein Jahr später kam mit der "Vigogne-Spinnerei AG" ein weiterer Textilbetrieb am Fabriksareal hinzu. Zur selben Zeit erfolgte die Errichtung einer Obstbranntweinerzeugungsanlage durch die "Brüder Wolfbauer AG". In den 1930er Jahren kamen weitere Textilbetriebe und Wohnungen auf dem Gelände der Marmeladenfabrik hinzu.

Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland im Jahre 1938 wurde die Marmeladenfabrik als großer Industriebetrieb wie schon im Ersten Weltkrieg in erster Linie den Kriegsbemühungen des Staates verpflichtet. Demnach wurden Kleinbetriebe aufgelöst und durch Firmen wie die Radiowerke "Horny AG" ersetzt, die für das deutsche Volk Radios, damals besser bekannt unter dem Namen Volksempfänger herzustellen hatten. Auch fanden auf dem Gelände Arisierungen statt, demzufolge der jüdische Eigentümer der Fabrik Mor Fekete scheibchenweise enteignet wurde und letztendlich mit seiner Familie nach Argentinien floh, wo er bis zum Kriegsende lebte. Ebenfalls wurden Kriegsgefangene aus den von Hitler besetzten Ländern als Zwangsarbeiter am Fabriksgelände beschäftigt. Gegen Ende des Krieges wurde auf dem Fabriksgelände außerdem ein Lager für Kriegsgefangene errichtet.

In der Besatzungszeit erfolgten weitere Adaptierungen innerhalb der Fabrik. So wurde 1948 ein Personen- und Lastenaufzug eingebaut, 1949 eine Salimentholanlage zur Produktion chemisch-pharmazeutischer Artikel errichtet und 1951 eine Umspannanlage eingebaut. Danach erfolgte der Einzug der Firma Chemin, welche chemische Hilfsstoffe erzeugte. 1954 wurde ein neuer Rauchfang errichtet und 1955 kam eine Ölfeuerungsanlage der Firma Leo Brill & Co hinzu.

Im Jahre 1964 veräußerte die nunmehrige Eigentümerin Ilona Tandler 75 Prozent der Liegenschaft an Ignaz Zeissl, zwei Jahre später erfolgte der Verkauf der restlichen 25 Prozent, womit Zeissl zum Alleineigentümer avancierte.

In den 1970er Jahren siedelten sich größere metallverarbeitenden Betriebe auf dem Fabriksgelände an wie die Firma Tormetall welch Nirosta-Spülen herstellte, die Firma Ludwig Magassy, welche eine Kabelabbrennanlage errichtete, mit dessen Hilfe Schwermetalle aus Akkumulatoren rückgewonnen wurde, welches durch Rauch und Abgase zu unerträglichen Umweltbelastungen führte und daraufhin den Betrieb wieder einstellte. Die massiven Umweltprobleme, die manche Firmen auf dem Fabriksgelände verursachten, mündeten schlussendlich in einem Giftmüllskandal, welcher das Ende der Marmeladenfabrik als Industriestätte einläutete.

„Die Marmeladenfabrik erlebte somit im Laufe ihrer Geschichte eine kontinuierliche Veränderung des Warentypus, welcher überwiegend auf dem Gelände produziert wurde: von Lebensmitteln zu Beginn des 20. Jahrhunderts über Textilien in der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zu Metallen und Kunststoffen, welche mit der ursprünglichen Funktion der Fabrik immer deutlicher im Widerspruch standen und somit zeitgleich wohl kaum hätten nebeneinander erzeugt werden können.“

René Kaspar: Die Marmeladenfabrik in Tribuswinkel - Ein stiller Zeitzeuge industrieller Vielfalt

Familie Fekete

Mor Fekete (1864-1960) um 1910

Mor Fekete, dessen jüdische Familie aus der ungarischen Hälfte der Habsburgermonarchie stammte, kam 1864 in Sankt Martin in Siebenbürgen zur Welt. Sein Vorname Mor ist die ungarische Version des deutschen Vornamens Moritz, sein Nachname Fekete das ungarische Pendant zum deutschen Familiennamen Schwarz. Anno 1897 ehelichte er in Pressburg seine Braut Gabriele, die 1879 geborene Tochter des jüdischen Arztes und Unternehmers Dr. Carl Samuel Schindler-Barnay, die ihm im Februar 1900 die einzige Tochter Ilona schenkte, welche später den ebenfalls jüdischen Dr. Rudolf Tandler ehelichte. Das Ehepaar Fekete lebten zu jener Zeit im Wiener Palais Dreher am Opernring gegenüber der k. k. Hof- bzw. Staatsoper, welches nach dem Zweiten Weltkrieg infolge schwerer Bombenschäden geschliffen und durch einen Neubau ersetzt wurde.

Der Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich bedeutete für die Familie Fekete eine lebensbedrohliche Zäsur. Als Jude musste Fekete sein gesamtes Vermögen offenlegen. Seine Tochter Ilona, eine tschechoslowakische Staatsbürgerin und verheiratete Tandler war schon gemeinsam mit ihrem Mann vor dem Anschluss nach London geflohen, was zur Folge hatte, dass ihr gehörige Gut Landbrücken bei St. Veit an der Glan in Kärnten arisiert wurde.

Wegen Fluchtgefahr wurde von den Nazis 1939 ein erster Reichsfluchtsteuerbescheid gegen Mor Fekete und seine Frau als Pfandrecht im Grundbuch eingetragen. Die Marmeladenfabrik selbst verblieb aber vorerst im Besitz von Mor Fekete und seiner Gattin, als Treuhänder für der Fabrik fungierte jedoch Dr. Anton Profanter. 1941 konnte das Ehepaar Fekete via Kuba in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires fliehen und die Marmeladenfabrik wurde 1942 von den Nazis in das direkte Eigentum des Deutschen Reiches einverleibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Liegenschaften an die rechtmäßigen Eigentümer Mor Fekete und seiner Gattin restituiert, welche diese im Jänner 1949 ihrer Tochter Ilona Tandler in Form einer Schenkung übergaben. Mor Fekete verstarb hochbetagt im Alter von 96 Jahren im September 1960 in Baden bei Wien und wurde in Zürich im Grab seiner Gattin, welche bereits im Oktober 1950 verschieden war, beerdigt.

Literatur

  • René Kaspar: Die Marmeladenfabrik in Tribuswinkel. Ein stiller Zeitzeuge industrieller Vielfalt, 2024, Diplomarbeit (Online)

Weblinks

 Marmeladenfabrik Tribuswinkel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien auf Wikimedia Commons